Durch die Beschäftigung mit dem Thema Labyrinth bei der Arbeit an meinem Roman entstand die Idee ein Landartprojekt ins Leben zu rufen.
1. Mai 2019- 30. Oktober 2020 - HASENHEIDE
Das Steinlabyrinth im Berliner Volkspark Hasenheide hat in den Jahren 2019 und 2020 die Besucher magisch angezogen. Kinder und Erwachsene zogen dort ihre Kreise. An den Samstagen fanden regelmäßig Konzerte statt.
Franca Schuller - Qi Gong - feat. Peter Pütz - 2020 im Labyrinth Hasenheide
Ben Barritt - 2020 in der Hasenheide Berlin
Franca Schuller und Peter Pütz - 2019 in der Hasenheide
Jonas & Friends - 2020 in der Hasenheide Berlin
Presse
Fernsehbeitrag 10.2020
Berliner Zeitung 11.2020
Die Suche nach der eigenen Mitte
Die Künstlerin Ellen Esser will ihr Steinlabyrinth in der Hasenheide erhalten. Dafür hat sie Unterschriften gesammelt.
ANTONIA GROSS
Ellen Esser faszinieren Dinge, die keine Absicht haben. Projekte, deren Ursprungsgedanke keine Rolle mehr spielt für das, was am Ende dabei herauskommt. Deswegen staunt sie auch so, was aus dem Labyrinth wurde, das sie vor bald zwei Jahren mithilfe des Grünflächenamts im hinteren Teil der Hasenheide aufgebaut hat.
Seit Mai 2019 begrenzen die eckigen Steine auf der Wiese das Wegsystem, das nach schier unzähligen Richtungswechseln zum Ziel der kreisförmigen Formation führt: in die Mitte. Im Sommer fanden dort Konzerte und Qi-Gong-Kurse statt, Kinder rannten auf den verschlungenen Pfaden umher. Esser selbst spielte dort an manchen Nachmittagen Klarinette, um die Spaziergänger zu begleiten, die willig waren, sich auf das Experiment Labyrinth einzulassen.
1750 Euro hat die Künstlerin damals für die Steine aus eigener Tasche bezahlt. Nun befürchtet sie, dass ihr Projekt zum Ende des Jahres abgebaut wird. Denn nur bis dahin gilt die laufende Genehmigung. Das Problem: Die Genehmigungen, die das Grünflächenamt ihr bisher ausgestellt hat, waren immer nur für einige Monate gültig. „Dauerhafte Installationen“ seien für die Grünflächen grundsätzlich nicht vorgesehen, sagt ein Sprecher des Bezirksbürgermeisters Martin Hikel (SPD). Man wolle keinen „Präzedenzfall“ schaffen.
Das weiß auch Esser. Trotzdem hat sie in den vergangenen Monaten mehr als 1500 Unterschriften gesammelt, mit denen sie ihrem Kunstwerk ein langfristiges Zuhause in der Hasenheide verschaffen will. Denn das ständige Den-Ämtern-Hinterherrennen erschöpfe sie. „Am liebsten wären mir fünf Jahre. Ich habe so viel Energie da reingesteckt, ich kämpfe wie verrückt, dass es immer wieder verlängert wird. Das kann ich nicht jedes Jahr machen“, sagt Esser. Nun will sie die Unterschriften schnellstmöglich dem Bezirksbürgermeister übergeben.
Ellen Esser kämpft dafür, dass ihr Labyrinth länger bleiben darf. (Foto: BZ/BENJAMIN PRZREMBEL)
Es wäre sehr leicht, über die Steinmarkierungen zu steigen, die sich nur etwa 20 Zentimeter über den Boden erheben. Trotzdem gehen viele, die vorbeikommen, vom Eingang bis zum Zentrum den gesamten Weg ab. So wie Theresa Scholz und Daniel Josch, die gerade auf eine kleine Abendrunde im Park unterwegs waren. Das Labyrinth sei eine „Extra-Attraktion beim Herbstspaziergang“, findet Josch. Für Scholz ist es das dritte Mal, dass sie das kleine Kunstwerk im Park „aktiv angesteuert“ hat. „Beim ersten Mal dachte ich, das ist doch Pipifax. Dann habe ich gestaunt, wie lange ich gelaufen bin“, sagt Scholz. Und findet: „Es täuscht so schön.“
Ellen Esser hängt an ihrem Projekt. Ihr gefällt, wie gut es von der Kiezbevölkerung angenommen wurde, wie schön es sich in die Parklandschaft einfügt. Als sie im Sommer fast wöchentlich, ausgerüstet mit Unterschriftenzetteln und einem QR-Code für die Online-Petition, durch den Park und die umliegenden Kieze zog, sei sie überrascht gewesen, wie viele Menschen ihr Labyrinth bereits kannten. Besonders in diesem Jahr, in dem Kulturstätten nur eingeschränkt geöffnet waren, habe der Ort vor Leben regelrecht geblüht.
Von der engagierten Künstlerin scheint auch Persönliches in dieser Angelegenheit zu stecken. „Vielleicht habe ich mit dem Symbol auf meine eigene Suche reagiert“, sagt Esser. Das Labyrinth als Motiv für die Suche nach der eigenen Mitte, mit etwas mehr Pathos: für das Leben. Esser, die „keine 21 mehr“ ist, beschreibt sich selbst als impulsiv. In jüngeren Jahren war sie Theater- und Filmschauspielerin, vor zwei Jahren erschien ihr erster Roman. Titel: „Das Zeitlabyrinth“.
Dass sie Dinge faszinieren, die sich von ihrem Ursprung lösen, überrascht mit Blick auf ihre Biografie also wenig. Der drohende Abbau ihres Projekts aus dem Park hat sie nun auch zur Aktivistin werden lassen. Als solche wünscht sich die Berlinerin Planungssicherheit: damit sie den Ort wie schon im vergangenen Sommer als Stätte für ihr kulturelles Programm nutzen kann. Der Sprecher des Bezirksbürgermeisters signalisierte gegenüber der Berliner Zeitung: „Uns ist es auch daran gelegen, ein Verfahren zu finden.“
Morgenpost 09.2020
Ein Labyrinth als Wahlheimat
Was ist für Sie Zuhause? Wir fragen Menschen in Berlin und Brandenburg, wie sie wohnen und was ihnen dabei wichtig ist.
Ein „Zuhause“ ist ein Begriff, mit dem ich Geborgenheit und Schutz verbinde. Natürlich ist meine Wohnung dieser Ort, aber auch die Straße, die Stadt, die wichtigen Menschen und das Land, in dem ich lebe schon seit 55 Jahren in meiner Wohnung und habe dadurch hier in Friedenau Pfahlwurzeln geschlagen. Die Vorgärten in meinem Kiez geben der Großstadt einen heiteren Charakter und freundlicherweise sind die Nachbarn, die ich hier kenne, mit mir gealtert – dadurch fühle ich mich jung. Inzwischen habe ich die Wohnung so oft verändert, dass sie hell und sparsam eingerichtet ist. Meine selbstgemalten Bilder haben viel Raum, können wirken. So umgeben, schreibe ich an meinen Romanen und sitze dabei auf einem Lottosofa. Es ist gelb bezogen und wirkt sogar etwas frech.
Aufgewachsen bin ich in Schlachtensee, habe aber auch schon in Düsseldorf, Bremen und Stuttgart gelebt. 1970 bin ich dann endgültig nach Berlin zurückgekehrt, denn es war die lebendigste Stadt in Deutschland, mit der größten alternativen Szene. Weg will ich hier nun altern nicht mehr, denn wir sind die Menschen, die mir nahestehen so wichtig, dass ich ohne sie nicht woanders neu anfangen wollte.
Bedrohte Kunst und ein erbitterter Kampf
Was ich an Berlin mag, ist die Möglichkeit, immer wieder etwas Neues auszuprobieren und dann Menschen zu finden, die mitmachen. Das ist fantastisch. Allerdings hat man auch immer wahnsinnig viel Konkurrenz. Mein neuestes Projekt und mein absoluter Lieblingsplatz in Berlin ist das „Labyrinth“ in der Hasenheide. Die Idee es aufzubauen, ist bei der Arbeit an meinem Roman „Maries Labyrinth“ entstanden. Bei der Recherche habe ich das Labyrinth in Leipzig kennengelernt und wollte so eine Trojaburg auch in Berlin aufbauen. Dieses Steinlabyrinth hat sich inzwischen zu einer Institution entwickelt und wird von Alt und Jung besucht. An den Wochenenden gab es dort bis Ende August wunderschöne Konzerte, für die ich großartige Musiker gewinnen konnte. Gerade dieses Jahr hat vieles, dort Live-Musik zu hören. Jetzt hat Herr Hikel, der Bezirksbürgermeister von Neukölln, zusammen mit der Verwaltung des Grünflächenamtes, beschlossen, dass das Labyrinth nur noch bis zum 31.12.2020 dort bleiben darf. Niemand versteht das. Ich habe eine Petition auf meiner Homepage aufgerufen, auf der ich so viele Unterschriften wie möglich brauche, in der Hoffnung, den Entschluss noch einmal ins Wanken zu bringen. Die Hasenheide ist ein wunderschöner Park. Neukölln hat der Park auch einen weniger guten Ruf. Und dort einen so friedvollen Ort wie das Labyrinth anzubieten, ist ein sinnvolles Gegengewicht.
Durch die illegalen Partys, die in der Hasenheide seit der Corona-Zeit stattfanden, wurden nun alle öffentlichen Konzerte in Neuköllner Grünflächen verboten – auch die im Labyrinth. Die Begründung, von hier aus könnte eine illegale Party entstehen, finde ich eindeutig irrational.
Nun verbringe ich meine Zeit damit, für den Erhalt des Labyrinths zu kämpfen, anstatt an meinem dritten Roman weiterzuschreiben. Mit einem Federstrich wurden alle Absprachen zunichtegemacht. Dafür herrscht bei mir und vielen anderen kein Verständnis. Jeden, den ich um eine Unterschrift gebeten habe, hat und ist so ratlos, hat empört wie ich.
Es sind die wilden Berliner, die mir Zuversicht geben
Doch ich gebe die Hoffnung nicht auf und wünsche mir, dass wir uns alle im nächsten Jahr dort bei Konzerten (mit dem nötigen Abstand) wiedersehen. Denn trotz all dem Ärger und der Sorge, die ich um mein zweites Zuhause habe, sind es doch die wilden Berliner, die mir Zuversicht geben. Sie lieben das uralte Symbol und lassen es mich spüren, wenn ich da bin, geben mir so viel zurück. Das möchte ich nicht missen und dafür bedanke ich mich.
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3. Steinlabyrinth in der Hasenheide
Es geht immer im Kreis, ein Weg zwischen Steinen. Los geht es außen, es gilt, zur Mitte zu finden, doch der Weg nimmt immer wieder unerwartete Wendungen. Erst scheint er verblüffend schnell zum Ziel zu führen, dann wird die Wandlung wieder fast ganz nach außen geleitet. Und wenn man eigentlich gar nicht mehr damit rechnet, ist plötzlich die Mitte erreicht. Anders als im Irrgarten, wo es gilt, den richtigen Weg zu finden, kann es sich im Labyrinth niemand verlaufen. Das uralte Symbol, das sich seit Jahrtausenden in vielen Kulturen findet, lädt vielmehr dazu ein, beim Gehen bewusst die vergangenen oder auch kommenden Lebensstationen nachzuempfinden. Erwachsene machen das bedächtig, Kinder auch gern rennend.
Im Sommer 2019 hat die Künstlerin, Schauspielerin und Autorin Ellen Esser, die mit „Maries Labyrinth“ zum Thema schrieb, ihr Steinlabyrinth in der Hasenheide aufgebaut. Ursprünglich sollte es dort nur bis September stehen. Doch nun bleibt dieser fast magisch wirkende Ort vorerst erhalten. Im Sommer finden sich oft Musiker am Rand der Kreise ein, auch Ellen Esser selbst kommt mit ihrer Klarinette vorbei und begleitet die Menschen, die durch das Labyrinth gehen. Eine Petition fordert den dauerhaften Erhalt des Labyrinths, aktuell soll es nur noch bis zum 31.12. dieses Jahres existieren.